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Agentic KI im Gesundheitswesen

AI Leadership Report 2026 - KI-Führung und Governance



Agentic AI – EDPS TechSonar & Fraunhofer IAIS

KI handelt nicht mehr nur – sie plant, entscheidet und koordiniert eigenständig.

Agentic AI markiert einen Systemwechsel: KI-Systeme verfolgen Ziele autonom, nutzen externe Werkzeuge, bauen Langzeitgedächtnis auf und koordinieren mehrere Agenten – ohne Schritt-für-Schritt-Anweisungen durch Menschen.

Für Kliniken, Pflegeeinrichtungen und alle, die im Gesundheitswesen Verantwortung tragen, stellt sich damit keine technische, sondern eine Governance-Frage: Wer steuert, wer prüft, wer haftet?

47,2 % jährliches Marktwachstum Agentic AI bis 2034 (CAGR)
4 Rollen typische Agenten-Architektur im medizinischen Diagnose-Szenario (EDPS)
3 Quellen EDPS TechSonar, Fraunhofer IAIS und Leopoldina FOKUS Nr. 8 (Juni 2026)
Einordnung

Zwei Quellen – eine Botschaft: Agentic AI ist kein Zukunftsthema. Die Governance-Frage muss jetzt beantwortet werden.

Begriffseinordnung

Was Agentic AI von klassischen KI-Systemen unterscheidet

Klassische KI-Systeme – auch Large Language Models – reagieren auf Eingaben. Agentic AI hingegen setzt sich eigene Teilziele, plant, koordiniert und adaptiert – auf Basis eines persistenten Gedächtnisses und externer Werkzeuge.

Klassische KI / LLM
  • Antwortet auf konkrete Eingaben
  • Kein Langzeitgedächtnis über Sitzungen hinweg
  • Abhängig von klaren menschlichen Prompts
  • Verarbeitet in der Regel Text und Bilder
  • Für klar definierte Einzelaufgaben geeignet
  • Begrenzte Anbindung externer Systeme
Agentic AI
  • Verfolgt Ziele autonom, setzt Teilziele selbst
  • Persistentes Langzeitgedächtnis über Aufgaben hinaus
  • Koordiniert mehrere Agenten gleichzeitig
  • Nutzt externe Werkzeuge, Datenbanken, APIs
  • Adaptiert bei Hindernissen eigenständig
  • Für komplexe, dynamische Prozesse konzipiert
Der Autonomiegrad eines Agentic-AI-Systems kann von einem gewissen Maß an Nutzereingaben bis hin zur vollständigen Autonomie reichen – das macht Governance zur Pflichtaufgabe, nicht zur Option.
Quelle: EDPS TechSonar, Agentic AI (2025)
Anwendungsszenarien

Wie Agentic AI im Krankenhaus konkret eingesetzt wird

Das Fraunhofer IAIS beschreibt einen strukturierten Einsatz über die gesamte stationäre Versorgungskette – von der Aufnahme bis zur Entlassung. KI-Agenten fungieren dabei nicht als Einzelwerkzeuge, sondern als koordinierende Serviceschicht.

Medizinisch

Diagnose & Therapie

KI-Agenten aggregieren Patientenhistorie, Echtzeit-Daten aus KIS und PACS und liefern Impulse zu möglichen Behandlungspfaden. Human-in-the-Loop bleibt zwingend.

Medizinisch

Medikation

Individuelle Medikationspläne auf Basis von Alter, Gewicht, Diagnosen und Unverträglichkeiten – kontinuierlich überwacht und automatisch angepasst, inkl. Nachbestellung.

Administrativ

Arztbriefgenerierung

Strukturierte Zusammenführung aus Anamneseprotokoll, Befunden, Fremdberichten – inkl. ICD/OPS-Codierung, Übersetzung und Qualitätssicherung durch den Agenten.

Administrativ

Qualitätsregister

Automatisiertes Screening klinischer Dokumente, Extraktion relevanter Parameter, Entlastung des Personals bei Zertifizierungsanforderungen.

EDPS-Beispiel: Medizinische Diagnoseassistenz

Vier Agenten – ein Ziel: koordinierte Diagnoseunterstützung

AGENT 1
Bildanalyse

Analyse von Röntgenbildern und MRT-Aufnahmen – autonom und parallel.

AGENT 2
Patientendaten

Abruf aus elektronischen Krankenakten: Anamnese, Laborwerte, Medikation.

AGENT 3
Diagnose & Therapie

Synthese aller Inputs, Anforderung weiterer Tests, Diagnosevorschläge.

AGENT 4
Orchestrierung

Koordiniert alle Agenten, managt Fehlerbehandlung und Nutzerinteraktion.

Risiken & Governance

Was die erhöhte Autonomie für Datenschutz und Haftung bedeutet

Der Europäische Datenschutzbeauftragte (EDPS) benennt konkrete Risikodimensionen – die für das Gesundheitswesen mit seinen besonders schützenswerten Daten besonders relevant sind.

Risikodimension Beschreibung (EDPS) Relevanz im Gesundheitswesen Governance-Anforderung
Datenzugriff & Umfang Agenten können auf Geräten und Systemen umfassend auf Daten zugreifen – inkl. aller gespeicherten Informationen. Hoch Patientendaten nach Art. 9 DSGVO, Schweigepflicht, KHZG-Anforderungen Datenzugriff auf das Notwendige begrenzen, Privacy by Design
Zweckentfremdung Agentic AI kann autonom neue Verwendungszwecke für Daten entwickeln, die vom Original nicht abgedeckt sind. Hoch Verletzung der Zweckbindung nach Art. 5 DSGVO Technische Beschränkung auf definierten Zweck, Audit-Logging
Transparenz Komplexe Agentenentscheidungen sind für Nutzer kaum nachvollziehbar – Erklärbarkeit sinkt. Hoch Ärztliche Dokumentationspflicht, Nachweispflichten EU AI Act Explainable AI, Entscheidungsprotokolle, Human-in-the-Loop
Profilbildung Daten aus diversen Quellen werden kombiniert – es entstehen umfassende Nutzerprofile ohne explizite Einwilligung. Hoch Verletzung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung Datenminimierung, Einwilligungsmanagement, DSGVO-Folgenabschätzung
Verantwortungslücke Bei Schaden durch Agentic AI ist unklar, ob Haftung beim Entwickler, Betreiber oder Nutzer liegt. Hoch Trägerhaftung, Krankenhausrecht, Patientensicherheit Klare Governance-Zuständigkeiten, vertragliche Verankerung
Bias & Fairness Autonome Datenkollektionsprozesse können Verzerrungen verstärken – schwer erkennbar und korrigierbar. Mittel Ungleiche Versorgung, Diskriminierungsrisiken Algorithmen-Audits, repräsentative Trainingsdaten, Monitoring
Drittanbieter-Risiko Agenten interagieren mit externen Diensten – dabei können Daten geteilt werden, ohne dass Nutzer dies wissen. Mittel Auftragsverarbeitung, Datenweitergabe in Drittstaaten Vendor-Management, AVV, Drittstaaten-Prüfung
Prompt Injection Schadhafte Eingaben können Agenten manipulieren und zur Datenweitergabe verleiten. Hoch Angriffsvektoren in klinischen Systemen IT-Sicherheitskonzept, Pentesting, BSI-Standards, Patch-Management
Regulierung

Welche Rechtsrahmen für Agentic AI im Gesundheitswesen gelten

EU AI Act (VO 2024/1689) – Hochrisiko-KI KI-Systeme, die in Diagnose, Therapieplanung oder klinischer Entscheidungsunterstützung eingesetzt werden, fallen typischerweise als Hochrisiko-KI unter Anhang III des EU AI Act. Das verpflichtet zu Risikomanagementsystem, technischer Dokumentation, menschlicher Aufsicht, Post-Market-Monitoring und Transparenzpflichten.
DSGVO / BDSG – Besondere Kategorien personenbezogener Daten Gesundheitsdaten genießen nach Art. 9 DSGVO besonderen Schutz. Jede Verarbeitung durch Agentic-AI-Systeme muss auf eine explizite Rechtsgrundlage gestützt werden. Datenschutz-Folgenabschätzung (Art. 35 DSGVO) ist für Agentic-AI-Deployments in aller Regel Pflicht.
MDR / DiGA / KHZG Sobald ein KI-Agent Empfehlungen generiert oder Entscheidungen vorbereitet, die die Patientenversorgung betreffen, ist eine Klassifizierung als Medizinprodukt nach MDR zu prüfen. DiGA- und DiPA-Anforderungen können zusätzlich greifen. KHZG-Fördermittel setzen Interoperabilitäts- und Datenschutzanforderungen voraus.
Protokolle & Standards: A2A und MCP Das Agent2Agent Protocol (A2A)Agent2Agent Protocol (A2A)Offener Standard von Google, der es KI-Agenten verschiedener Anbieter und Frameworks ermöglicht, miteinander zu kommunizieren und Aufgaben zu koordinieren – ohne gemeinsame Codebasis. Relevant für Multi-Agenten-Architekturen im Gesundheitswesen.

↗ A2A auf GitHub
und Anthropic’s Model Context Protocol (MCP)Model Context Protocol (MCP)Offener Standard von Anthropic, der KI-Modellen strukturierten, sicheren Zugriff auf externe Werkzeuge, Datenbanken und Dienste ermöglicht – unabhängig vom Anbieter. Bildet die Basis für werkzeuggestützte Agenten-Architekturen.

↗ MCP bei Anthropic
sind offene Standards, die KI-Agenten-Interoperabilität ermöglichen. Beide befinden sich noch in Entwicklung – und stellen regulatorisch noch ungeklärte Schnittstellenfragen. Für Einrichtungen bedeutet das: Vendor-Verträge und Schnittstellen-Governance müssen mitgedacht werden.
Governance-Fokus

Die eigentliche Leitungsfrage lautet nicht: „Welche KI-Agenten setzen wir ein?“

Sondern: Welche Agentic-AI-Anwendungen können wir fachlich sinnvoll, datenschutzkonform, mit klar geregelter Haftung und mit dokumentierter menschlicher Aufsicht betreiben?

Das Fraunhofer IAIS benennt interdisziplinäre Zusammenarbeit und iterative Entwicklung als Kernanforderungen. Der EDPS betont: Accountability-Lücken müssen vor dem Deployment geschlossen werden – nicht danach.

Typische Fehlerbilder

Was beim Einsatz von Agentic AI in Einrichtungen typischerweise schiefgeht

Fehler 1

Tool-first statt Governance-first

Die Einrichtung entscheidet sich für ein Agentic-AI-System, bevor Datenschutzfolgenabschätzung, Risikoklassifizierung nach EU AI Act und Aufsichtskonzept definiert sind. Reparaturkosten sind hoch – Haftungsrisiken noch höher.

Fehler 2

Automatisierungsbias ohne Gegenkontrolle

Mitarbeitende vertrauen den Agenten-Outputs ohne kritische Prüfung. Fehler kaskadieren durch mehrere Entscheidungen, bevor sie erkannt werden. Besonders riskant in Medikationsmanagement und Diagnoseunterstützung.

Fehler 3

Fehlende Kompetenz auf allen Ebenen

Weder Leitung, noch Fachbereich, noch IT kennen die Grenzen und Risiken des eingesetzten Systems. Art. 4 EU AI Act verlangt dokumentierte KI-Kompetenz – nicht nur allgemeine Schulungen.

Selbsttest

Agentic-KI-Bereitschafts-Check

Ist Ihre Einrichtung bereit, Agentic AI verantwortungsvoll einzusetzen? Wählen Sie alle Aussagen aus, die auf Ihre Organisation zutreffen:

Wir haben ein aktuelles Register aller KI-Anwendungen inkl. Risikoklassifizierung nach EU AI Act.
Für alle KI-Systeme mit Hochrisiko-Einstufung liegt eine Datenschutz-Folgenabschätzung (Art. 35 DSGVO) vor.
Es gibt ein definiertes Human-in-the-Loop-Konzept für alle KI-gestützten Entscheidungsprozesse.
Datenzugriff von KI-Agenten ist auf das Notwendige technisch begrenzt (Least-Privilege-Prinzip).
Mitarbeitende aller Ebenen haben dokumentierte Schulungen zu KI-Grenzen und Automationsbias erhalten.
Vendor-Verträge regeln Haftung, Auftragsverarbeitung und Drittstaatentransfers für KI-Systeme.
KI-Anwendungen werden im Betrieb aktiv auf Drift, Halluzinationen und unerwünschte Ausgaben überwacht.
Die Leitung hat KI-Governance als strategische Führungsaufgabe mit eigenem Mandat beschlossen.
Ihre Punktzahl
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Wählen Sie die zutreffenden Aussagen aus, um eine Einordnung zu erhalten.
Empfehlung

Pragmatischer Fahrplan: Agentic AI governance-konform einführen

Basierend auf dem 7-Schritte-Modell des Fraunhofer IAIS für KI-Implementierung im Krankenhaus – ergänzt um die Governance-Anforderungen des EDPS und des EU AI Act.

1
Vision & Governance-Mandat

Leitung, IT, Datenschutz, QM und Compliance definieren gemeinsam Zweck, Grenzen und Verantwortlichkeiten für Agentic-AI-Systeme.

Führungsebene Strategie
2
Anforderungen & Risiko

Regulatorische Rahmenbedingungen klären: EU AI Act-Klassifizierung, MDR-Prüfung, DSGVO-Folgenabschätzung, BSI IT-Grundschutz.

EU AI Act DSGVO MDR
3
Daten & Schnittstellen

Datenbasis prüfen, Zugriffsgrenzen definieren, Interoperabilitätsstandards (A2A, MCP, HL7 FHIR) und Drittanbieter-Governance festlegen.

Datenschutz IT-Sicherheit
4
Pilot mit Aufsicht

Prototyp in kontrollierter klinischer Testumgebung – mit definiertem Human-in-the-Loop, Monitoring und Nutzerfeedback-Schleifen.

Testumgebung HITL

Leopoldina FOKUS Nr. 8 ‧ Juni 2026 ‧ Nationale Akademie der Wissenschaften

Agentische KI im Gesundheitssystem: Chancen und Herausforderungen

Der aktuelle Policy Brief der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina fasst den wissenschaftlichen Konsens zusammen – und formuliert klare Handlungsempfehlungen an Politik und Einrichtungen.

Kernunterschied laut Leopoldina

Konventionelle KI

Unterstützt bei einzelnen Aufgaben – z. B. Bildauswertung oder Datenanalyse. Sie gibt Hinweise, entscheidet aber nicht selbst. Das Behandlungsteam trifft alle weiteren Entscheidungen.

Agentische KI ▶

Plant und koordiniert eigenständig Schritte in der Versorgung. Sie kann administrative Tätigkeiten übernehmen, leitlinienkonforme Therapien vorschlagen und Prozesse innerhalb eines menschlich verantworteten Rahmens autonom ausführen.

■ Chancen laut Leopoldina

Was agentische KI leisten kann

  • Komplexe Aufgaben strukturieren: multimodale Daten integrieren, Behandlungsverläufe personalisieren
  • Workflows autonom steuern: administrativen „clerical burden“ reduzieren, Fachkräfte entlasten
  • Personalisierte Prävention unterstützen: digitale Agenten als Gesundheitscoach
  • Konsistenz in Pathologie und Bildgebung erhöhen – durch skalierbare KI-gestützte Analysen
  • Fachkräftemangel demografisch auffangen – ohne Leistungsbeschränkungen

■ Risiken laut Leopoldina

Was frühzeitig adressiert werden muss

  • Transparenz & Verantwortbarkeit: Fehlerhafte Schlussfolgerungen können schwerwiegende Folgen haben
  • Sensible Daten: Verknüpfung großer Datenmengen erhöht das Risiko unfreiwilliger Offenlegung
  • Zielkonflikt: Datenschutz vs. Versorgungsgerechtigkeit – politisch zu entscheiden, nicht technisch
  • Deskilling: Wenn Fähigkeiten vollständig an KI delegiert werden, verkümmern sie beim Personal
  • Cybersicherheit: Autonome Systeme vergrößern die Angriffsoberfläche erheblich

■ Handlungsempfehlungen der Leopoldina

Was jetzt geschaffen werden muss

  • Technologische Souveränität: Partnerschaften zwischen Universitätskliniken, Forschungseinrichtungen und Industrie schaffen – domänenspezifische Foundation Models als Hightech-Agenda-Schwerpunkt
  • Regulatorischer Rahmen: Datenschutz und Datennutzung intelligent verbinden – Aufsichtsbehörden als Berater, nicht nur als Kontrollinstanz
  • Legal Design Thinking: Prozessketten so gestalten, dass KI-gestützte Workflows und menschliche Verantwortung zusammengeführt werden
  • Regionale Kompetenzzentren: Expertise aus Medizin, Informatik und Datenwissenschaft bündeln und schnell in Anwendung bringen

Leopoldina FOKUS Nr. 8, Juni 2026 · Fokusgruppe Medizin der Leopoldina · DOI: 10.26164/leopoldina_03_01430 · Herausgeber: Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina e. V.

Zum Literaturverzeichnis
Quelle 1

EDPS TechSonar: Agentic AI – Datenschutzrechtliche Einordnung durch den Europäischen Datenschutzbeauftragten.

European Data Protection Supervisor, 2025. Autor: Andy Goldstein.

EDPS TechSonar
Quelle 2

Fraunhofer IAIS Whitepaper: „Healthcare Agents im Einsatz – Die nächste Generation der medizinischen KI-Assistenz“.

Fraunhofer IAIS, März 2025. Autoren: Mackay, Ebert, Schellinger, Antweiler, Rüping.

Fraunhofer IAIS
Agentic AI governance-konform einführen?

Ich zeige Ihnen, wie Sie Risikobewertung, Datenschutz, Human-in-the-Loop und EU AI Act-Anforderungen strukturiert verbinden.


KI Transparenzhinweis ART. 50 · VO (EU) 2024/1689 · EU AI ACT
Quelldokumente wurden mit Unterstützung von KI-Sprachmodellen analysiert und zusammengefasst.
Thomas Bade hat alle Inhalte inhaltlich geprüft, fachlich bewertet und freigegeben.